Solidarität in der Corona-Krise: Ferienhaus für Wohnsitzlose

Solidarität in der Corona-Krise: Ferienhaus für Wohnsitzlose

Beispiel für gelebte Solidarität mit den Hilfsbedürftigsten“

Mainzer stellt Wohnsitzlosen während der Corona-Krise seine Ferienhäuser zur Verfügung

Die Corona-Pandemie trifft wohnsitzlose und obdachlose Menschen besonders hart: Der Appell „Bleibt zu Hause!“, den sie gerne befolgen würden, scheitert bei ihnen bereits daran, dass sie kein Zuhause haben. Zudem werden immer mehr Hilfsangebote eingestellt, die es ihnen bislang ermöglicht haben, sich gerade so über Wasser zu halten. Doch es gibt Hoffnung.

In einem Facebook-Post hat Fischers Bekannte Caroline Elfers am vergangenen Mittwoch auf die dramatische Situation aufmerksam gemacht: „Ihr Lieben, die Corona-Krise trifft uns alle. Am meisten trifft es aber die, die sowieso schon nichts haben. Ich suche für ein paar sehr zuverlässige, ordentliche Wohnsitzlose, die in ein paar Tagen ihre Unterkunft verlassen müssen, einen Garten, am besten mit einer Hütte, in der Nähe der Mainzer Innenstadt. (…) Bitte denkt noch einmal nach, vielleicht kennt Ihr ja auch jemanden, der ein Grundstück besitzt, in dem sie Schutz finden könnten.“

Für Julie und Ingo Fischer war sofort klar, dass sie helfen wollen – und zwar nicht „nur“ mit einem Zeltplatz im Garten, denn „es hätte sich nicht richtig angefühlt, hilfsbedürftige Menschen im Garten, ohne Bett und vor allem ohne sanitäre Anlagen, campen zu lassen, wenn bei uns gleichzeitig Ferienhäuser leer stehen“. Also antworteten sie auf Facebook.

„Hilfe neuer Dimension“

Danach ging alles ganz schnell: Caroline Elfers informierte Nathalie Böhm, und schon am nächsten Tag kam es zum ersten Treffen in der Finther Prunkgasse mit zweien der künftigen Bewohner: Károly (Name geändert) hat eine Herzkrankheit und gehört damit zur Risikogruppe für das Corona-Virus. Als nicht-deutscher EU-Bürger bekommt er keinerlei staatliche Bezüge, und in seinem ursprünglichen Heimatland hat er keine Familie, die ihm hilft. Der zweite Bewohner, Frank (Name geändert), ist recht kontaktscheu und nimmt Hilfe nur von vertrauten Personen an. Als Deutscher hat er zwar Anrecht auf Bezüge, doch die Hürde, die entsprechenden Behörden aufzusuchen und die Anträge zu stellen, war für ihn bisher viel zu hoch. So lebt er seit Jahren ohne festen Wohnsitz von Ersparnissen, die langsam zur Neige gehen. Auch er gehört zur Covid19-Risikogruppe.

Am Samstag-Nachmittag haben Frank und Károly nun ihr neues Heim bezogen, und die Freude darüber sprang ihnen aus dem Gesicht. Unsere Hoffnung: Vielleicht gelingt es nun, mehr Menschen, die auf der Straße großen Gefahren ausgesetzt sind, und solchen, die ihre Unterkünfte wie Ferienwohnungen, Wohnwagenstellplätze oder Grundstücke (für Wohnsitzlose mit Hunden) derzeit nicht vermieten können, zusammen zu bringen. „So unfassbar riesig und schwierig es klingen mag, so einfach und unkompliziert ist es doch in Wirklichkeit, wie uns das Beispiel von Frank und Károly, Ingo und Julie zeigt.“

Hintergrund

Vor gut zehn Jahren haben sich Ingo und Julie Fischer als junge Familie mit kleinen Kindern einen Lebenstraum im alten Ortskern des Mainzer Stadtteils Finthen erfüllt, als sie einen um das Jahr 1900 erbauten Bauernhof samt Scheune und riesigem Garten in der Prunkgasse gekauft haben. Knapp anderthalb Jahre lang dauerten die sehr aufwändigen Sanierungsarbeiten nach gestalterischen und ökologischen Gesichtspunkten, seitdem erstrahlen das Bauernhaus sowie die nunmehr zum Wohnhaus ausgebaute Scheune in einem nie dagewesenen, neuen Glanz. Da sie mehr Wohnraum geschaffen hat als sie selbst benötigt, hat Familie Fischer im Jahr 2017 damit begonnen, drei nicht selbstbewohnte, wunderschöne Häuser auf der Hofreite mit großem Erfolg an Feriengäste zu vermieten. „Die Feriengäste lieben unser „Gartenhaus“, „Brunnenhaus“ und „Hofhaus“, doch die Corona-Pandemie hat unser Ferienhausgewerbe praktisch von einem Tag auf den anderen von 100 auf null gefahren“, sagt Ingo Fischer, der gleichzeitig einräumt: „Dass in diesen Zeiten niemand mehr reisen will, ist für mich nicht nur nachvollziehbar, sondern absolut richtig. Wir unterstützen ausdrücklich den Appell ‚Stay at Home!‘“

Wie für so viele Gewerbetreibende in der Touristikbranche ist die finanzielle Lage für Familie Fischer dadurch existenzbedrohend geworden: Null Einnahmen stehen vor allem als Folge der Baufinanzierung hohe monatliche Fixkosten gegenüber. „Unsere finanzielle Lage ist in der Tat ernst, aber sie ist nicht lebensbedrohlich“, so Ingo Fischer: „Damit geht es meiner Familie deutlich besser als dem schwächsten Teil unserer Gesellschaft, nämlich wohnungs- und obdachlosen Menschen“.

Wichtiger Hinweis

Bitte stellen Sie auf gar keinen Fall Essens- oder Sachspenden ab! Es wird zudem dringend darum gebeten, in der derzeitigen Situation von Besuchen der wohnsitzlosen Menschen buchstäblich Abstand zu nehmen! Bitte wenden Sie sich bei allen Fragen etwa zu Sach- und Lebensmittelspenden immer an offizielle Stellen. Unkoordinierte Eigeninitiativen verursachen leider meist zusätzliche Arbeit für die Hilfsorganisationen, die aktuell nicht zu bewältigen ist. Leider können Sachspenden nur in sehr begrenztem Rahmen und mit dem gebotenen Mindestabstand angenommen werden. Daher werden aktuell die finanziellen Rücklagen des Vereins genutzt, um die Dinge des täglichen Bedarfs einzukaufen. Herzlich willkommen sind daher neben Wohnungsangeboten oder Grundstücken und Gärten für Wohnsitzlose auch abgepackte Lebensmittel in kleinen Portionen und großen Gebinden, wie sie beispielsweise in der Gastronomie oder in Hotels verwendet werden. Zudem freut sich der Verein über jede noch so kleine Geldspende (auch zweckgebunden), um die Grundversorgung aufrechterhalten zu können. Bankverbindung: Wohnsitzlos in Mainz e.V. | IBAN: DE78 5085 2553 0016 1159 82 (Sparkasse Groß-Gerau).

Kontakt Wohnsitzlos in Mainz: wohnsitzlosmainz@gmail.com

Kontakt Ingo Fischer (Ferienhaus in Mainz): https://ferienhausmainz.com, 0179 1012060